Selbstbeschreibung als "andere" Wissenschaftlerin

Die Universität ist praktisch tot, die Wissenschaft verkauft. Sie definiert sich inzwischen als das, was Geld einbringt. Die neoliberale Verdummung und Verwahr(heits)losung seit der "Reform" der Universitäten hat in wenigen Jahren den letzten lebendigen Bereichen innerhalb der Wissenschaft begonnen den Garaus zu machen. An diesem Ort geschieht fast nichts mehr außer der Geschäftemacherei und dem (Selbst)Betrug. Daher wende ich mich mit meiner Arbeit als Wissenschaftlerin an eine außeruniversitäre Öffentlichkeit, möglichst die eines radikalen Künstlertums. Dieses ist im Prinzip der/die einzig verbliebene Verbündete, wenn es denn noch existiert. Mit radikalem Künstlertum meine ich ein "politisches", so wie ich meine Wissenschaft im engeren wie weiteren Sinne als "politische" verstehe. Denn ein solches Politisches wäre das jetzt Notwendige und das gleichzeitig Gemeinsame. Aber dieses "Politische" ist nicht das des politischen Systems und seiner Parteien, sondern ein Politisches, das der Wahrheit über den Zustand unserer Gesellschaft(en), Zivilisation und Natur verpflichtet ist. Denn es gibt diese Wahrheit und sie sieht furchtbar aus. Ihr wagt eigentlich niemand ins Gesicht zu sehen, am allerwenigsten die übliche Politik und Wissenschaft. So sieht man weg, weil man sich nicht verantwortlich fühlt, weil man den Kopf in den Sand steckt, weil man meint, die eigene Haut doch noch retten zu können, weil man dafür bezahlt wird, wegzusehen oder weil man gar nicht versteht, was eigentlich vor sich geht. Das Ausmaß dessen, was heute weltweit stattfindet, entzieht sich ohnehin der normalen Vorstellungskraft. Schließlich gibt es bisher in der Tat weder eine anerkannte politische, noch eine anerkannte wissenschaftliche Erklärung für den so besonderen Zustand der Gegenwart in allen ihren Dimensionen, denn keine bleibt außen vor. So ist in dem Moment, wo die moderne westliche Zivilisation per "Globalisierung" ihren "Siegeszug" in aller Welt und in allen Bereichen des Lebens antritt, auch gleichzeitig ihr Ende nahe. Für den angeblichen Siegeszug gab es noch eine Erklärung, war er doch die Bestätigung der letzten "Großen Erzählung", der Theorie der "Moderne". Aber für das nahende Ende der Moderne und ihren "freien Fall" in jeder Hinsicht hat man keine Erklärung. Im Gegenteil, das herrschende Fachidioten- und Spezialistentum verweigert sich einer solchen ausdrücklich, ja diffamiert jeden Versuch in diese Richtung. Was nicht sein darf, das nicht sein kann.

Ein Scheitern der Moderne war und ist nicht "vorgesehen". Dafür gibt es keine Erklärung. Dabei ist ein solches Scheitern offensichtlich: Es findet statt, indem die sich nun überall und unabweisbar zeigende Realität das genaue Gegenteil von dem ist, was sie hätte sein oder werden sollen: Entwicklung mündet in Unterentwicklung, Produktion entpuppt sich als Destruktion, Reichtum als Illusion, die allgemeine Befriedigung der Grundbedürfnisse weicht dem sich ausbreitenden Hunger, der Fortschritt wirkt tödlich, Bildung ist Verdummung, Freiheit wird zum Zwang, Arbeit zur Versklavung, Politik zu Krieg, Kultur zu Vernichtung usw. Gleichzeitig gehen wir dem Ende der Moderne entgegen, weil nun zum ersten Mal weltweit die "Ressourcen" ausgehen. Die unter- und oberirdische Natur als Lebensgrundlage und als "Material", mit dessen Plünderung die Moderne aufgebaut wurde, schwindet dahin und zwar in den meisten Bereichen irreversibel. Ersatz ist im Allgemeinen nicht in Sicht. Im Gegenteil, der "Tod der Natur" geht mit Katastrophen einher, die sich gegenseitig "synergetisch" aufschaukeln. Der Zusammenbruch der meisten Tier- und Pflanzenarten, der Wälder, der Wasserversorgung und der Klimabedingungen ist bereits vorprogrammiert. Das Paradies im Universum, die Erde, wird verwandelt in einen Planeten, der bald für die meisten unbewohnbar sein wird wie der Mond - wenn nicht entscheidend Anderes geschieht.

Eine umfassende Erklärung für die Lage der Welt ist das Dringendste des Moments. Für falsche oder halbe Erklärungen ist keine Zeit mehr. Denn genau jetzt muss verstanden und entsprechend gehandelt werden, wenn eine Wende in der allumfassenden Zivilisationskrise von heute doch noch erreicht werden soll. Die gesuchte Erklärung wäre als "eine gute Theorie immer auch praktisch" - und umgekehrt, also die richtige Praxis auch immer theoretisch relevant. Genau das braucht es jetzt: die richtige Theorie und die ihr entsprechende Praxis, das Handeln in die richtige Richtung und seine permanente Reflexion.

In der Tat bin ich der Meinung, dazu Einiges beitragen zu können, denn seit geraumer Zeit entwickelt sich in mir, in anderen und um mich herum eine neue und umfassende, zusammenhängende Erklärung für das, was geschieht. Es handelt sich um eine neue "Metatheorie" samt ihren praktischen Konsequenzen, ja, eine neue Gesamtwissenschaft und -Politik sowie ihr Programm. Dieser neue Theorie-Praxis-Ansatz passt niemandem in den Kram, weder der Wissenschaft, noch der Politik. Deswegen wende ich mich an andere, denn ich weiß, dass ein solcher Ansatz jetzt überall gebraucht wird. Sein Name ist "Kritische Patriarchatstheorie" und sein Programm die Entwicklung einer "Patriarchatskritischen Geschichtswissenschaft" und einer "Matriarchalen Naturwissenschaft" im Theoretischen wie Praktischen. Dabei sind alle Bereiche des Lebens inter- und transdisziplinär in ihren Zusammenhängen zu berücksichtigen:
- An erster Stelle das Naturverhältnis. Zu ihm sind Ökonomie und Technologie zu zählen.
- An zweiter Stelle das politische Verhältnis, also die politische Organisation und Verfasstheit der Gesellschaft bzw. Zivilisation.
- An dritter Stelle das Geschlechterverhältnis. Es regelt das Zusammenleben der Geschlechter und die Reproduktion der Gattung.
- An vierter Stelle das Generationenverhältnis. Es regelt das Zusammenleben der verschiedenen Generationen und ihre Verbundenheit mit Vergangenheit und Zukunft.
- An fünfter und letzter Stelle das Transzendenzverhältnis, das den Zusammenhang von Leben und Tod, das Woher und Wohin des Lebens behandelt und Antworten gibt auf Fragen nach dem Sinn. Es führt zurück ins Naturverhältnis.
So schließt sich der Kreis.

Die Art, wie diese fünf grundlegenden Verhältnisse geregelt sind, bestimmt den Charakter einer Zivilisation/Gesellschaft sowie die Möglichkeiten, darin auch als Einzelne/r zu agieren. Dabei stellen wir im Gegensatz zur bisherigen Wissenschaft fest: Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Arten einer zivilisatorischen Regelung: die matriarchale und die patriarchale.

Die matriarchale Zivilisation ist dabei die ältere und ursprüngliche. Ihre Regeln sind in allen Verhältnissen: Egalität/Herrschaftsfreiheit, Gemeinsinn/Verantwortungsbewusstsein, Freiheitssinn/Gerechtigkeit, Friedlichkeit/Gewaltfreiheit in der Konfliktlösung, Lebensfreude und Achtung allem Leben gegenüber, Lebensfreundlichkeit und ein "gutes Leben" für alle, Orientierung der Kultur (der "Pflege") an der Natur. Diese Prinzipien entstammen der "mütterlichen Ordnung", die diese Gesellschaften über unvordenklich lange Zeiten auf der ganzen Welt prägte. Ihre Protagonistinnen waren und sind auch da, wo sie noch existieren, in der Tat vor allem Frauen und Mütter. Dies ist in noch lebenden Matriarchaten auf der ganzen Welt leicht zu überprüfen. Darüber hinaus zeigt sich inzwischen, dass gerade indigene Bewegungen in aller Welt heute eben diese Ordnung wieder anstreben. Ja es gibt sogar Regierungen, wie die Boliviens, die dies unterstützen.

Die patriarchale Zivilisation ist dagegen genau umgekehrt orientiert: Hierarchien/Herrschaft als System, "Teile und Herrsche!" als allgemeine Politik/Zerstörung aller gewachsenen sozialen Bindungen bis "hinunter" zu Mutter und Kind, Ablehnung einer verantwortlichen Haltung und des Respekts gegenüber dem Leben in allen seinen Formen/Plünderung, Aneignung und Zerstörung von menschlichen und Naturkräften, Freiheit in allem für wenige/ Unfreiheit im meisten für die Mehrheit, Gewalt bei der Lösung von Konflikten/ bewusste Schaffung von Konflikten und Gewaltformen (Krieg), grundsätzliche Verachtung gegenüber dem Irdischen und insbesondere den Frauen und Müttern - Muttermord - sowie eine "gnostische" Orientierung an einem sogenannten "Geistigen"/Religiösen in einem vorgestellten "besseren Jenseits" der Welt.

Die patriarchale Zivilisation ist gewissermaßen die Pervertierung der matriarchalen und der Versuch, die letztere quasi auf den Kopf zu stellen und dabei möglichst ganz aufzulösen. Dabei bleiben Elemente des Matriarchats als "zweiter Kultur" in verschiedenem Ausmaß über gewisse Zeiträume und nach Orten verschieden bei der Entwicklung des Patriarchats noch erhalten bzw. erweisen sich als unverzichtbar, weil ohne sie die patriarchale Zivilisation nicht weiterbestehen könnte (z.B. die Liebe zwischen Mutter und Kind). Insgesamt bewegt sich die patriarchale Zivilisation von der Leugnung, Usurpation, Perversion, Abstraktion, Zerstörung und Transformation der matriarchalen Zivilisation zu deren "Ersetzung".

Zur patriarchalen Zivilisation gehört die heute vorherrschende, die westliche Moderne als ihr historisch vorläufig letzter und am "höchsten entwickelter" Ausdruck. Das bedeutet, dass sie in der Ersetzung der matriarchalen Zivilisation bisher am weitesten gekommen ist und dabei ihre eigenen Grundlagen weitgehend zerstört (hat). Das ist der Grund für die heutige Zivilisationskrise der Moderne. Sie ist nur dadurch aufzuhalten, dass der patriarchale Charakter der Moderne in allen Bereichen entschlossen und so schnell wie möglich aufgegeben wird.

Dabei zeichnet sich die patriarchale westliche Moderne durch Besonderheiten aus, die zu ihrer Entstehung in Europa, aber nicht anderswo geführt haben: die moderne Naturwissenschaft und Technik ("Maschine") sowie die Ökonomie des "Kapitalismus" auf der Grundlage des Kolonialismus. Sie traten als Projekte einer angeblich notwendigen "Naturbeherrschung" in Erscheinung, zu dem auch die Unterwerfung der Menschen in Gestalt angeblicher KetzerInnen und Hexen (Inquisition) sowie der bäuerlichen und Handwerker-Bevölkerung gehörte (Bauernkriege), in Europa ebenso wie in den "Kolonien". Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie der Neuzeit sind in dem Sinne patriarchal, als sie die Hauptinstrumente der möglichst umfassenden und nicht nur vorgestellten, sondern nun tatsächlich durchgeführten "Ersetzung" der matriarchalen Zivilisation sein sollten und gewesen sind. Es handelt sich um die "Transformation" von allen Naturdingen, Lebewesen und Verhältnissen in ihr Gegenteil: Ware statt Subsistenz, Geld statt Leben, Maschine statt Natur, "Vater" statt Mutter, Staat statt Eigenmacht und System statt Gesellschaft… Ziel ist die am Ende totale Unabhängigkeit von aller Natur und den Frauen als Müttern bzw. dem "Restrisiko" Mensch schlechthin und ihre Ersetzung durch "Kapital" im weitesten Sinne des Wortes. Dieses Projekt äußert sich heute im "Tod der Natur", einem sich verallgemeinernden "Muttermord" und der Entfremdung vieler Menschen von ihrem Lebendig-Sein bzw. in ihrem "Fetischismus" bezüglich der "Errungenschaften" des modernen kapitalistischen Patriarchats, das auf technologische Weise "posthuman" zu werden beabsichtigt.

Von dem, was durch solche "Transformation" einverleibt, getötet oder abgeschafft werden soll und wird, darf nicht gesprochen werden. Es ist "tabu" und muss unaussprechlich bleiben. Das ist der Grund, warum die Mütter, die Natur und eigenmächtige Menschen, ganz zu schweigen von matriarchalen Alternativen und einer profunden Patriarchatskritik nicht zum Thema des Nachdenkens gemacht werden. Ja, dies wird von allen Seiten massiv verhindert und mit der heutigen "Keule", ausgerechnet dem Faschismusvorwurf, beantwortet, obwohl oder weil gerade umgekehrt die heutigen Verfahrensweisen als faschistisch bezeichnet werden müssten.

Nur unter der Verwendung eines "langen Fernrohrs", nämlich dem Blick auf mehr als 500 Jahre Neuzeit, als da sind mindestens 5000 Jahre Patriarchat sowie Zeiten davor und "daneben", ist dieses Nachdenken über eine Erklärung für den heutigen Zustand der Welt möglich gewesen. Die patriarchale Zivilisation begann merkbar vor ca. 6000 Jahren zu entstehen. Sie ist als "Tiefenstruktur" der heutigen Verhältnisse und als das "kollektive Unbewusste" der Gegenwart anzusehen. Indem das Denken des Patriarchats im Vergleich zur Moderne "alt" ist, fällt heute vielen Menschen nicht mehr auf, wie absurd und "verkehrt" es ist. Auch Frauen sind inzwischen weitgehend dem Patriarchat in ihrem Denken und Fühlen angepasst, obwohl sie am meisten unter ihm gelitten haben. Dagegen gilt es die Erinnerung an eine andere Ordnung wieder zu mobilisieren, die zu unserem menschlichen Erbe gehört und uns viel längere Zeiten als das Patriarchat begleitet hat.

Der Begriff Patriarchat ist weitgehend tabuisiert bzw. vollkommen falsch definiert. Das gilt insgesamt sogar bei denjenigen, die ihn überhaupt verwenden, die Frauenbewegung. Dasselbe ist entsprechend für den Begriff Matriarchat festzustellen. Indem das Matriarchat als Frauen- oder Mütter-Herrschaft diffamiert wird, lässt sich das Patriarchat als Herrschaftsform von Männern exkulpieren. Von daher sieht es dann so aus, als sei Herrschaft auch in Zukunft unvermeidlich und "immer schon" der Fall gewesen, ja, das gleiche gilt dann entsprechend für die Gewalt, den Krieg, die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung, Zerstörung und Plünderung sowie die Unterdrückung von Mensch, insbesondere Frau und Natur. Dieser "Pessimismus" und seine negative Anthropologie ("der Mensch ist schlecht") dienen allein der Rechtfertigung des Patriarchats und seiner Weiterführung, so als wäre es eine "Naturordnung", also die einzig mögliche, und das Matriarchat - wenn überhaupt - nur eine auch noch besonders grausame und unterentwickelte Vorform davon gewesen. Auf diese Weise wird den Frauen auch noch die Gewalt des Patriarchats in die Schuhe geschoben.

Es gilt also, die verschiedenen Seiten des Patriarchats zu untersuchen und ihm die Alternative einer ganz anderen Ordnung entgegen zu halten. Diese müsste heute neu entdeckt, ausprobiert und definiert werden.

Mein neu entstehender Beitrag dazu behandelt meine These von der zentralen Rolle der "Alchemie" als erster patriarchaler Gesamtwissenschaft und ihre - bisher ungesehene - wachsende Bedeutung als "Schöpfung aus Zerstörung" in der und durch die moderne Naturwissenschaft, Technik, Ökonomie, Psychologie, Politik und Religion bis heute.

Ich denke, aus diesem Stoff ließen sich auch eine Reihe radikaler künstlerischer "Umsetzungen" machen.

Claudia von Werlhof